Jedes Jahr ziehen etwa 40.000 Menschen nach Berlin. Die Anziehungskraft der Hauptstadt war auch schon vor hundert Jahren riesig. Dieser Artikel beschreibt das Leben der Neuankömmlinge zur Zeit des Ersten Weltkrieges und ist im Berliner Tagesspiegel erschienen.

 

 

SPREE-ATHEN IST TOT

Wohnen in Berlin 1914

 

 

Die Anziehungskraft von Berlin war vor genau 100 Jahren nicht weniger groß als heute. Jahr für Jahr nahm die Metropole Zehntausende Zuwanderer auf. 1871 zählte die Hauptstadt 826.000 Einwohner. 1914 waren es mehr als zwei Millionen. Der Original-Berliner war ein Neuankömmling. Er stammte aus Brandenburg, Ostpreußen oder Schlesien.

 

Die wenigen Jahrzehnte nach der Reichsgründung hatten die ehemals kleine Residenz- und Garnisonsstadt Berlin in die modernste Metropole Europas verwandelt. Eine schöne Stadt war sie nicht geworden. "Spree-Athen ist tot, und Spree-Chicago wächst heran", notierte der AEG-Vorstandsvorsitzende und spätere Außenminister Walther Rathenau. Mark Twain hielt schon 1891, während seines mehrmonatigen Aufenthaltes an der Spree, Chicago im Vergleich für "geradezu ehrwürdig. Die Hauptmasse der Stadt macht den Eindruck, als wäre sie vorige Woche erbaut worden". Und die Lebensbedingungen wurden nicht besser.

 

Wohnungen mussten her, viele Wohnungen und die Behörden genehmigten die Bauvorhaben, anders als heute, binnen weniger Tage. Das schnelle Verfahren hing auch mit der rudimentären Bauordnung zusammen. Im Grunde gab es nur zwei unumstößliche Normen für die Blockrandbebauung. Die Hinterhöfe mussten mindestens 5,34 x 5,34 Meter (28,5 qm) messen, was dem für die pferdegezogenen Feuerwehrwagen erforderlichen Wendekreis entsprach. Und die Gebäudehöhe durfte die Breite der Straße nicht überschreiten, um zu verhindern, dass bei einer Katastrophe einstürzende Fassaden das gegenüber liegende Haus trafen.

 

Eine Toilette für 40 Personen

Neun von zehn Berliner hausten in einer Mietskaserne und 1914 lebte fast die Hälfte von ihnen in Wohnungen mit nur einem beheizbaren Zimmer, das gleichzeitig als Küche, Wohn- und Schlafstube diente. Die Wohnungsgröße wurde gesetzlich anhand des Luftbedarfs der Bewohner ermittelt, was zum hunderttausendfachen Bau von kleinflächigen aber hohen Räumen führte. Die Gemeinschaftstoilette auf der „halben Treppe“ oder im Hof benutzen oft 40 Personen. Eine Heimarbeiterin mit 7 Mark Wochenlohn bezahlte ein Drittel ihre kargen Einkommens für Wohnen, Kohle und Beleuchtung. Schon 1868 stellte der Berliner Statistiker Hermann Schwabe eine These auf, die als Schwabe´sches Gesetz in die Lehrbücher einging: „Je ärmer jemand ist, desto größer ist die Summe, welche er im Verhältnis zu seinem Einkommen für die Wohnung ausgeben muß.“ Um die Miete zu bezahlen, nahmen viele Menschen „Schlafburschen" auf. Der Fabrikarbeiter Paul Göhre schrieb in seinen Erinnerungen, wie verbreitet diese Art des Wohnens war: „Wenn ich auf meinen Wohnungssuchen meinen Wunsch zu erkennen gab, ich würde gern ‚für mich,’ in einem Zimmer allein schlafen, wurde ich fast immer dahin verstanden, allein in einem Bette schlafen zu wollen.“ Es gab noch andere stundenweise Gäste. Der Berliner Lokal-Anzeiger berichtete empört über diverse Fälle, in denen Hausbewohner ihr zweites Zimmer sogar an „prostituierte Dirnen abvermieteten.“

 

An den üblichen "Ziehtagen" zum 1. April und 1. Oktober karrten Zehntausende ihre Habe von einer trostlosen Wohnung in eine noch trostlosere – oft in einen Keller oder einen feuchten Neubau. Sie blieben, bis die Unterkunft ausgetrocknet war und einem zahlungskräftigeren Kunden angeboten werden konnte. Der sozialdemokratischen Abgeordneten Albert Südekum schrieb über eine der Umzieherinnen: „Sie konnte nur schätzungsweise sagen, dass sie durchschnittlich alle sechs Monate das Domizil gewechselt, also wohl seit ihrer Ankunft 15 verschiedene Wohnungen innegehabt hatte.“ Das Elend kommentierte er empört mit einem heute legendären Satz: "Man kann einen Menschen mit einer Wohnung gerade so gut töten wie mit einer Axt."

 

Die größte Berliner Mietskaserne stand im damaligen Bezirk Wedding in der Ackerstraße 132. Bauherr war der Textilfabrikant Jacques Meyer. Der gewaltige Komplex hatte sechs hintereinander liegende Höfe mit insgesamt 257 Wohnungen, davon je fünfzig Kleinwohnungen mit einer Stube und dazugehöriger Küche in den zwei Seitentrakten. In dem Wohnkoloss waren eine Vielzahl von Gewerben tätig, unter anderem „fünf Cigarrenmacher, eine Grünkramhandlung, drei Mostrichfabriken, eine Nudelfabrik, ein Instrumentenmacher und eine Sarghandlung.“ In dem  Moloch lebten etwa 2.000 Menschen. Ein Journalist schrieb: „Betritt man das Haus, wird man alsbald von einem verpesteten Geruch befallen, Schmutz herrscht überall und auf den Treppen balgen sich halbnackte Kinder. Zank und Streit besteht zwischen den Flurnachbarn; bei dem geringsten Anlass werden auf Korridoren und Treppen lärmende Wortgefechte in den unflätigsten Ausdrücken und blutige Raufereien ausgefochten.“

Werkswohnung und Gartenstadt.

 

Aber es gab auch ein paar Glückliche, die bessere Lebensbedingungen fanden. Mitte 1904 begannt die Siemens & Halske AG mit dem Bau einer „Wohnkolonie“ für ihre Beschäftigten. Knapp 10 Jahre später wohnten in der neuen „Siemensstadt“ schon 7.000 Menschen. Die vor allem vierstöckigen Häuser ohne Seiten- und Querflügel boten eigene Toiletten und sogar Mietergärten. Praktisch alle Gebäude werden bis heute bewohnt. Ein anderes Beispiel für modernes Wohnen war die nach Entwürfen des Architekten Bruno Taut zwischen 1913 und 1916 gebaute Gartenstadt Falkenberg. Sie war der in England entwickelten Gartenstadtidee und dem baugenossenschaftlichen Siedlungs- und Lebensmodell verpflichtet. Die Häuser im ersten Abschnitt gruppierte Taut um einen begrünten Hof. Im zweiten Abschnitt staffelte er unterschiedlich proportionierte Häuser zu versetzt angeordneten Reihen und Gruppen. Auffällig war ihre expressive Farbigkeit, die eine bewusste Alternative zur bis dahin üblichen, teuren Bauskulptur und Ornamentik waren. Auch diese Siedlung besteht bis heute – und zählt mittlerweile zum Unesco-Weltkulturerbe.

 

15 Zimmer am Kurfürstendamm

Zu Beginn des Ersten Weltkrieges war Berlin eine Stadt mit Janus-Gesicht. Auf der einen Seite gab es den tristen Norden und Osten mit tausenden grauer Mietskasernen und ein paar leuchtenden Ausnahmen. „Laufstraße" nannten die Berliner ihre Flaniermeile Unter den Linden mit dem Schloss und dem neuen Dom an der Spree, "Saufstraße" die Friedrichstraße, "Kaufstraße" die Leipziger Straße. Auf der anderen Seite der Stadt wuchs der glänzende Westen heran.

 

Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts beklagte ein Journalist der „Kreuz-Zeitung“ die Einfallslosigkeit der neuen Bebauung. Die heute fast alle verschwundenen vornehmen preußischen Häuser mit ihren zwei Stockwerken, mindestens acht Fenstern in der Breite und großen Gärten waren für ihn „Aristokraten inmitten der Geschmacksverwilderung“. Diese Vornehmheit trieb der Berliner Polizeipräsident, der im 19. Jahrhundert auch als Bauaufsichtsbehörde fungierte, den Bauherren schnell aus. Er ordnete auch in den feineren Gegenden den grundsätzlichen Bau von Seitenflügel und Hinterhaus an. Üblicherweise waren diese Häuser vierstöckig. Die Zahl der Geschosse ging auf Friedrich II. zurück, der aus Berlin ein zweites Paris machen wollte. Ihn entzückten die Pariser Häuser, die er nur von Bildern kannte und dieser nie vollendete Traum blieb für die nachfolgenden Könige und ihre Stadtplaner Lenné, Schinkel und Hobrecht der Maßstab.

 

So wuchs auch der feine Westen vier Stockwerke hoch. Bis 1905 war der größte Teil der Prachtstraße des neuen Wohlstandes - der Kurfürstendamm - bebaut. Die Architekturkritiker hassten ihn, denn sie sahen nichts als pompöse, überladene, protzende und geschmacklose Bauten. Die Fassaden der einzelnen Häuser waren und wirkten wie angeklebt und hatten mit ihrer eigentlichen Substanz wenig zu tun. Der Stadthistoriker Walther Kiaulehn notierte mit feinem Spott über die Stillosigkeit dieser Wohnpaläste: „Aus der Bauzeit dieser Kurfüstendammhäuser mit den gefälschten Palastfassaden ist die Frage des Maurerpoliers an den Bauherren klassisch geworden:’Der Rohbau steht, wat soll denn nu fürn Stil dran?’“

 

Hinter den Fassaden entstanden hochherrschaftliche Wohnungen mit oft 15 und mehr Zimmern für großbürgerliche und häufig prominente Bewohner.


Bei Besuchern sollte diese Wohnungen Erstauen auslösen, was Dieter Hildebrandt in seinem Roman „Die Leute vom Kurfürstendamm“ beschreibt: „Was Clara nun erlebte, das war ein überraschendes Aufklinken und Beiseiteschieben von Türen, die immer neue Räume eröffneten“, die aber laut Auskunft der Hausherrin „nur ein beherbergendes Minimum“ seien. Schwer für Clara, ihr diese Bescheidenheit zu glauben, „zeigt sie doch auf den Wundertisch im Esszimmer, der Platz für 32 Personen bietet.“ Am Kurfürstendamm und seinen Seitenstraßen verbanden sich Repräsentationsbedürfnius und schlechter Geschmack, der allerdings heute, hundert Jahre später, wieder wie ein exquisiter Geschmack erscheint.

 

Nicht für jeden Geldadel war dieser neue Westen um die ebenfalls neue Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche herum von großer Anziehungskraft. Wie schon immer wuchs auch zu Anfang des 20. Jahrhunderts das Geld besser im Grünen. Die erste Villenkolonie in Berlin war bereits kurz nach der Gründung des Deutschen Reiches in Lichterfelde-West entstanden. Der Hamburger Unternehmer Wilhelm von Carstenn, der mit dem Bau der Siedlung Wandsbek in seiner Heimatstadt viel Geld verdient hatte, ließ die Kolonie im damaligen Dorf Lichterfelde nach englischem Vorbild mit Alleen, kleinen Plätze und großen Gärten bauen. Der Stil war eklektizistisch. Die Villen waren neoromanisch, neogotisch, barock und – als Verbeugung vor der Moderne – im gewagten Jugendstil gehalten. Und Carstenn baute weiter. Er kaufte große Gütern an, die außerhalb des polizeilichen Bebauungsplandes lagen und formte sie zu Villenstädten um: Lichterfelde-Ost, Friedenau, Halensee und Wilmersdorf. Er wollte Berlin mit einem Kranz von Gartenstädten umschließen und seine Vision war es, Berlin und Potsdam zu einer Stadt zu verschmelzen, verbunden durch den Grunewald als Park. Das wurde bekanntlich nichts. Carstenn geriet er in einen hässlichen Streit mit dem Berliner Militärfiskus und konnte am Ende froh sein, daß ihm der kümmerliche Rest seiner Habe nicht gepfändet wurde.

 

Der Boom des Westens dauerte bis zum Beginn des 1. Weltkrieges. Der Kurfürstendamm war seit der der Eröffnung des „Kaufhaus des Westens“ im Frühjahr 1907 die unumstrittene Nummer Eins als Einkaufsstraße.  Acht der pompösen, gerade ein Dutzend Jahre alte Mietshäuser fielen seinem Bau zum Opfer – ein Gradmesser für das enorme Tempo der Urbanisierung.

 

Nur wenige Meter entfernt entstand bald darauf zwischen Lietzenburger Straße und Kurfürstendamm ein "Boarding-House" ganz im amerikanischen Stil. Es war ein riesiges Gebäude mit 600 luxuriös ausgestatteten Zimmern und Wohnungen. Zur üppigen  Ausstattung gehörten eine Badeanstalt, Restaurants, Schreib- und Lesezimmer, große Wandelhallen, eine American-Bar, ein Festsaal, ein Café und eine Confiserie. Aber die Bauherren hatten sich übernommen und mussten zur Begleichung ihrer Rechnungen sogar das Inventar verkaufen. Ein neuer Investor war schnell gefunden. Er eröffnete im Frühjahr 1914 die Anlage als "Hotel Cumberland". Der Krieg bereitete dann dem erhofften internationalen Treiben nach nur acht Monaten ein abruptes Ende.

 

 

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